Christopher Nolans fast dreistündiger Blockbuster Der Odyssey hat seit seiner Veröffentlichung Diskussionen über seine Treue zum antiken Epos ausgelöst. Während einige Zuschauer Details wie Kostüme und Akzente kritisieren, betont der Regisseur, dass das vorhandene archäologische Material nur bruchstückhaft sei.
Kev Lochun, Digitalredakteur des Geschichtsmagazins HistoryExtra, erklärt, dass das Gedicht selbst bereits als historische Fiktion angesehen werden könne. Es wurde etwa vierhundert Jahre nach den beschriebenen Ereignissen verfasst, vergleichbar mit einem heutigen Roman über das frühe neuzeitliche England.
Zur Ausstattung sagt Lochun, dass die Rüstungen zwar umstritten seien, Nolan jedoch auf die begrenzten Funde aus der Bronzezeit verweise. So hätten mykenische Dolche aus verdunkeltem Bronze bestehen können, wobei Gold und Silber zugesetzt und mit Schwefel behandelt wurden. Die Kostümdesignerin Ellen Mirojnick setze teure Materialien ein, um den höheren Status von Figuren wie Agamemnon zu visualisieren.
Der Film führt zudem das Konzept von „Zeus’ Law“ ein, das die Pflicht beschreibt, Fremde gut zu behandeln. Lochun ordnet diesem die antike Idee der Xenia zu – die Gastfreundschaft, bei der Fremde und Götter gleichermaßen respektiert werden sollen, weil Götter oft in Verkleidung erscheinen, um die Moral der Menschen zu prüfen.
Was den Zyklopen betrifft, räumt Lochun ein, dass dieses Wesen eindeutig mythologisch ist. Im Originalgedicht führt Polyphemus ein Gespräch mit Odysseus, während der Film ihn eher als stummen Monster zeigt. Trotz dieser Abweichungen sieht der Experte den Film als legitimierte Auseinandersetzung mit einem Stoff, der bereits von Natur aus Mischung aus Erinnerung, Mythos und späterer Interpretation ist.